Mülhausen aus der Sicht eines Baslers

 Eine alte Freundschaft, die verjüngt werden kann  

Basel und Mülhausen haben von ihren intensiven gegenseitigen Beziehungen profitiert. Die beiden Städte haben sich aber in den letzten Jahrzehnten eher auseinandergelebt, nicht zuletzt aus sprachlichen Gründen. Initiativen der Zivilgesellschaft könnten zu einer Wiederannäherung beitragen.

Mülhausen – ein verhinderter schweizer Kanton…

Basel und Mülhausen sind sich nicht nur geographisch, sondern auch sprachlich und mentalitätsmässig nahe. Daher war es nur verständlich, dass die Basler, als sie 1501 mit den Eidgenossen über den Beitritt zu ihrem Bund verhandelten, auch die Aufnahme der Nachbarstadt forderten. Aber Basel drang mit seiner Forderung nicht durch und Mülhausen war demnach ein «canton raté», wie Germain Muller einmal das Elsass nannte. Dank der Vermittlung durch Basel wurde es 1515 immerhin «zugewandter Ort» der Eidgenossenschaft, ein Mitglied mit beratender Stimme, und blieb es bis 1798.

…der Basel im 19. Jahrhundert zum wirtschaftlichen Aufschwung verhalf

Das Ende dieser Allianz bedeutete jedoch keineswegs dasjenige der gegenseitigen Beziehungen: Basel verdankte im 19. Jahrhundert seinen Aufbruch in die Moderne dem hundertjährigen Vorsprung Mülhausens bei der Industrialisierung.  Nach dem Eisenbahnpionier Nicolas Koechlin, dank welchem Basel und die Schweiz 1844 zu ihrem ersten Bahnanschluss kamen, verlagerte ein weiterer Mülhauser Industrieller, Gaspard Dollfuss, 1860 seine chemische Produktion nach Basel und gab damit die Initialzündung zur Entwicklung der Stadt am Rhein. Der Vorsprung Mülhausens gegenüber Basel hielt auch im frühen 20. Jahrhundert an; so suchten in den 1930er Jahren Basler Arbeitslose Beschäftigung in Mülhausen – die Ströme der Grenzgänger gingen damals noch in die andere Richtung…

Die sprachliche Entfremdung… 

Nach der Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg wurden die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Städten sofort wieder aufgenommen, aber auf der Ebene der persönlichen Kontakte hat in den letzten Jahrzehnten eher eine Entfremdung stattgefunden, die vor allem sprachliche Gründe hat: Nur noch wenige Mülhauser sprechen ihren eng mit dem «Baseldytsch» verwandten Dialekt, und in Basel hat das Französische nicht mehr denselben Stellenwert wie noch in den 1960er Jahren. Trotzdem reisen noch jedes Jahr hundert Basler zum legendären „Herre-n-Owe“ an. Ein Wandbild am Bühneneingang des ETM erinnert an einen seiner Neugründer nach 1945, den Dichter Tony Troxler (1918-1998), der im Krieg in die Schweiz geflüchtet war, um der Zwangsrekrutierung durch die Nazis zu entgehen. Der heutige künstlerische Direktor des ETM und Animator des Herre-n-Owe, Christian Ketterlin, hat 30 Jahre seines Berufslebens in Basel verbracht.

…kann überwunden werden

Die zweisprachigen Strassentafeln geben dem Besucher aus Basel das Gefühl, auch in der Nachbarstadt zu Hause zu sein. Aus dieser offiziellen Initiative sind in den letzten Jahren auch private hervorgegangen, die sich für die Zweisprachigkeit einsetzen, etwa der Verein «Schick’Süd-Elsass». Vereine spielten schon bei der Wiederaufnahme der menschlichen Kontakte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Pionierrolle: So konnte eine Delegation der Basler Naturfreunde im Dezember 1945 an einer Tagung ihres Partnervereins in Mülhausen teilnehmen, obwohl die Grenze noch offiziell geschlossen war.

Heute fördert der 1985 gegründete Kulturverein Elsass-Freunde Basel (www.elsass-freunde-basel.ch) die menschlichen und kulturellen Kontakte über die Grenze und setzt sich für den Erhalt der Elsässer Dialekte ein, wofür er 2014 das «Grand Bretzel d’Or» erhielt. Er ist für weitere Initiativen offen und plant im Dezember einen Besuch in Mülhausen, der vielleicht zum Ausgangspunkt für solche werden könnte.

Hans-Jörg Renk
Alsapresse 68

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